Eine Autistin unter euch.
 



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Es geht weiter...

Inzwischen habe ich viel über Autismus, Asperger und darüber, wie die Leute damit umgehen, heraus gefunden.

Zuerst habe ich es unmittelbar und ohne etwas anderes in Erwägung zu ziehen eine Aufgabe für mich auserkoren:Es ist meine Pflicht, das Bild von Autismus gerade zu rücken, zu erklären, warum wir nicht alle Rain Man sind, ja, aufzuklären!Zu Zeigen, dass jemand wie ich, der erst einmal "normal" wirkt, Autistin sein kann!
Dass es nicht bedeuten muss, dass man ohne Sprache schaukelnd in der Ecke sitzt....

Ich begegne extrem vielen (Vor)urteilen, wenn ich erwähne, dass ich Autistin bin, was das Ganze zu einem sehr zweischneidigen Schwert macht.
Wenn ich es nicht erzähle gelte ich schnell als unfreundlich, merkwürdig, verschroben, hart und abweisend.
Wenn ich es erzähle, will ich mich wichtig machen, reduziere mich auf Autismus, mache mich kleiner als ich bin, möchte ich Sonderbehandlung einfordern.

Dass mich sehr viele Menschen häufig missverstehen, dass das für mich anstrengend und belastend ist und dass ich denen, die sich mit mir beschäftigen wollen, einfach nur Möglichkeiten an die Hand geben will, mich zu verstehen, scheint völlig unbegreiflich. (Der ein oder andere Artikel oder Ratgeber hat vielleicht auch Dinge treffend zusammen gefasst, die ich selbst sagen würde, aber scheinbar ist das etwas völlig anderes, als wenn ich es selbst aufschreibe.)

Und natürlich möchte ich verstanden werden.
Die meisten Menschen, denen ich begegne, empfinden mich als völlig normal. Dabei vergessen sie, dass alles, was ich ihnen sage erst einmal einen Filter durchlaufen hat: den NT (=Neurotypisch = Nicht Autisten) Filter. Trotzdem höre ich täglich Aussagen wie: "Warum denkst du überhaupt darüber nach?" oder "Das würde ich so ja nicht machen, das ist ja anstrengend." oder "Also mit sowas habe ich mich ja noch nie beschäftigt..."

Das ist alles völlig in Ordnung. Aber diese Sätze isolieren natürlich. Ich merke schon immer wieder, dass meine Gedankengänge und meine Art, die Welt zu betrachten, den anderen fremd erscheinen. Umgekehrt ist es ja auch genauso. Und genau deshalb ist die Annahme, man würde mich völlig ohne Anstrengung einfach verstehen, falsch.
Erstens teile ich sowieso mindestens die Hälfte meiner Gedanken nicht ansatzweise mit und zweitens ist die andere Hälfte schon zum größten Teil unverständlich für andere.
Dazu kommt, dass eben das Gespräch, dieses Mitteilen, das "Übersetzen" und Umformulieren das Ganze so anstregend macht, dass ich manchmal einfach nur weg will und viele Gespräche einfach nur als ultra anstregend empfinde. Und nicht als gesellig.

Wer nach wie vor denkt, dass Verstehen helfen könnte und/oder interessant ist, der ist herzlich eingeladen, hier weiterhin mit zu lesen.


Eine Anekdote zum Schluss:
Ich hatte neulich eine Verabredung in einem Café, das in einer Art großem Glaspavillon untergebracht war. Innen war auch eine Art Decke unter der Kuppel eingezogen. Nachdem ich das bemerkt habe, schielte ich immer wieder dort hin und überlegte, wie das wohl mit der Statik der Decke gemacht ist, wie und wo sie genau hält, wie man die Wärme in dem "Gebäude" halten kann, wo doch alles aus Glas ist und es dunkel und Winter ist, ob das Gebäude mal einem anderen Zweck gedient hat und welchem und so weiter und so fort.
Mein Gegenüber hat das bemerkt und war irritiert. Ich hab dann erklärt, was ich beobachtet habe und worüber ich nachdenke.
Stieß jetzt nicht direkt auf Verständnis, vorsichtig ausgedrückt.
Und wieder die leidige Frage: "Warum machst du dir bloß überhaupt über so etwas Gedanken?"
Weil mein Gehirn so funktioniert und nicht anders. Darum.





P.S.: Ich rede übrigens auch deshalb so viel, damit die Chance größer ist, dass mein Gegenüber wenigstens einen Teil von dem, was mich beschäftigt irgendwie versteht.
20.2.18 09:54


Ich habe relativ früh gemerkt: Ich bin anders, so wie ich bin, ist nicht okay.



Schule?
Das, wo Mitschüler einen bespucken, einem Toilettenwasser zu trinken geben, einen in Schränke sperren und dein Essen wegnehmen? Wo die Lehrer dich darauf aufmerksam machen, dass du mit deinem Verhalten selbst schuld bist und zudem komplett unorganisert? Wo du Volleybälle in die Fresse bekommst, dass dir deine Nase noch eine Woche später weh tut und du merkst, dass du als einziger Mensch immer noch nicht Seil springen kannst?

So wie ich sein ist da nicht okay.



Partys?
Wo es so schwierig ist, gleichzeitig zu verstehen, wie jede der einzelnen Personen funktioniert, wo man Streit bekommt, wenn man wahrheitsgemäße Antworten gibt, die falschen Fragen stellt oder in einer der anderen hundert Möglichkeiten etwas falsch zu machen, versagt? Wenn ich als Begleitperson eingeladen war, musste ich mich oft den ganzen Rückweg für meine Reaktionen entschuldigen und rechtfertigen.
Dabei fühlte ich mich schlecht genug, weil ich ja gemerkt hatte, dass ich wieder alles verkehrt gemacht habe.

So wie ich sein ist da nicht okay.



Beziehungen?
Das, wo einem andere Personen sagen: "Ruf mich an, wenn du wieder normal bist!" wenn sie einen besser kennengelernt haben. (Ich habe natürlich nie wieder angerufen.)
Dieses Minenfeld, wo falsche Bewegungen zu endlosen Vorwürfen führen? Wo man ganz viele Bedürfnisse nach Nähe erfüllen soll und bitte den ganzen neuen Freunden gegenüber super nett und angepasst erscheinen soll?

So wie ich sein ist da nicht okay.



Irgendwie habe ich gedacht, ich muss ja besonders dumm sein. Weil ich diese ganzen Sachen, die alle können, die für alle so einfach sind, nicht kann. Weil so viele Sachen so viel Stress für mich bedeuten, die für andere so einfach sind. Weil ich dann immer so erschöpft bin.
"Kannst du dich nicht einmal zusammen reißen und mit anderen klar kommen?"
Ich schwöre euch, ich habe mir jeden einzelnen Tag verdammte Mühe gegeben, nicht ich zu sein. Bedürfnisse und Erwartungen zu erfüllen, nicht zu viel von dem zu zeigen, was ich bin und was mich interessiert, weil das in endlose Erklärungen und "Freak!" Kommentare mündet. Ich bin ein Chamäleon geworden,dass sozial angepasst wirkt und euch so wenig wie möglich stört, damit ich meine Ruhe haben kann.



Und jetzt.....! Jetzt habe ich nach diesen ganzen Jahren, wo ich als getarntes Alien herum gelaufen bin, endlich erfahren, dass ich wirklich mein Möglichstes gegeben habe und dass das eine sehr große Leistung war. Ich habe mir nicht ausgesucht mit einem anderen Gehirn als andere geboren zu werden. Und genau deshalb kann ich den gleichen Respekt und die gleiche Rücksichtnahme von allen erwarten, die ich tagtäglich dem Rest der Welt entgegenbringe. Ich verstehe einige Sachen viel schneller als die meisten und andere dafür überhaupt nicht. Ich kann das gar nicht ändern und muss das auch gar nicht mehr versuchen,die Mühe, die ich mir gebe, ist vollkommen ausreichend. Denn es gibt ganz viele getarnte Aliens, die alle erleben, was ich erlebe und in den gleichen Punkten scheitern und erfolgreich sind. Wenn ihr damit nicht leben könnt, ladet mich nicht ein, sprecht nicht mit mir, geht keine Beziehung zu mir ein. Dann sind wir beide besser dran. Wenn du in meiner Situation wärst, wärst du vielleicht noch viel verzweifelter als ich gewesen, habt ihr daran mal gedacht, bevor ihr geurteilt habt?

Denn ich war von Anfang an okay.


Ich war immer anders, aber nie schlechter. Da habe ich jetzt verstanden.
5.6.17 17:37


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