Eine Autistin unter euch.
 



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Die Folgen des Diffusen

Die meisten Leute wissen intuitiv ganz gut, was sie so sagen können und was nicht. Mich bringt es an meine Grenzen und ist teilweise schwer aushaltbar.

Gerade, wenn ich Menschen noch nicht gut kenne, entfaltet sich das Ganze schnell zu einem Strudel.

Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man manche Dinge besser nicht direkt nachfragt, vermeide ich das. Zu direkt sein bringt das Problem mit sich, dass der andere sich unter Druck gesetzt fühlt: er muss sich aktiv und bewusst mit Etwas auseinander setzen, das gerade noch unausgesprochen nebenher als zweite Ebene funktionierte. Das ist für den Konfrontierten dann auch lästig und daher erfolgt meist keine positive Reaktion.

Das Wissen darum, dass viele Menschen aus Höflichkeit lügen, macht es nicht gerade einfacher für mich, die Absichten des Gegenübers zu erkennen. Bin ich erwünscht oder geduldet, bin ich pro Forma eingeladen, weil eigentlich klar ist, dass ich absagen müsste, der sozialen Situation halber? Ist ein nicht ausgesprochenes "Nein" trotzdem eins und das Umschiffen einer Frage ebenfalls?

Wenn ich dann so reagiere, wie mir suggeriert wurde, dass es okay wäre, liege ich oft falsch: "Es war doch völlig klar, was damit gemeint war...!"
Nun ja, für andere vielleicht.
Ich sehe dann leider aus wie eine völlige Idiotin. Dabei bin ich nicht dumm. Ich verstehe nur solche Zusammenhänge nicht.

Woher weiß ich, ob aufdringlich bin, wie viel Kontakt bei dem anderen erwünscht ist, wie oft ich Unternehmungen vorschlagen darf? Was bedeuten Absagen? War das falsch, zu viel, einfach unpassend? Oder etwas ganz Anderes?

Zwischen den Zeilen bleibt es für mich leer und die Fragezeichen türmen sich.
Je mehr dieser Leerstellen es im Kontakt mit einer Person und mir es gibt, desto angespannter werde ich. Immer neue, kleine Zahnrädchen in meinem Denkapparat werden angestoßen, geraten ins Rotieren und kreisen unaufhörlich um eine Lösung, die nicht erfolgt. Surr, surr, surr......

Ich suche Interpretationen für das Nicht-Gesagte. Ich vergleiche immer wieder mit ähnlich erlebten Gesprächen, gehe alles im Kopf immer wieder durch und komme auf eine Interpretationsmöglichkeit von 50:50.

Mir ist klar, dass ich nicht beeinflussen oder exakt bestimmten kann, welchen Verlauf dieser Kontakt gerade nimmt.
Surr, surr, surr....


Es bleibt dabei, ich fühle mich gnadenlos überfordert, verunsichert, ziehe mich vor lauter Schrecken immer mehr zurück. Besser gar nicht kommunizieren als noch mehr von diesen schrecklichen Fragezeichen!

Nach mehreren Tagen ist es soweit. Irgendwo hinten in meinem Hirn rotieren die Zahnrädchen auf Höchstgeschwindigkeit.
SurrSurrSurr!

Ich fühle mich, als hätte man mir die Hände hinter dem Rücken verbunden, mir eine Augenbinde angelegt und würde mich zwingen, trotzdem einen Weg zu finden.

Ich muss das jetzt unterbrechen.
Ich stelle ganz direkte Fragen, auch wenn es so fürchterlich unbequem ist. Ich gebe zu, dass mir ein Auge für indirektes Feedback fehlt und zu viele Variablen für mich offen bleiben, um zu verstehen. Dass ich aktiv nachdenken muss und zu keinem Ergebnis komme.
Offen demonstriere ich meine Schwäche, die jetzt auch als Dummheit ausgelegt werden könnte.

Suurrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr! Die Zahnrädchen glühen.

Nachdem ich meinen Pfeil der Direktheit präzise und bedacht abgeschossen habe, kommen sie ins Stocken, sie verhaken sich.

Ich rolle mich auf meinem Bett zusammen und ziehe meine Kapuze so weit über den Kopf, wie es geht.
Ich wippe dazu nach vorne und hinten und wiederhole gutturale Laute.
Es reicht nicht.
Ich kann die Welle eines Shutdowns sehen, die gleich auf mich zu rollt.
Wimmernd und mit den Händen wie wahnsinnig flatternd laufe ich auf und ab, laufe durch alle Räume und stoße Laute hervor, merke, Mir wird heiß, mein Puls schießt in die Höhe.


tick. tick. tick.

Die Zahnrädchen haben in ihre Positionen zurückgefunden, das Uhrwerk läuft wieder, ich höre langsam auf mich wie ein verrückt gewordenes Windrad aufzuführen und bleibe stehen.
Meine verkrampften Gliedmassen entspannen sich allmählich.

Jetzt kann ich wieder klare Gedanken fassen, das Kommunikationsproblem rückt wieder in den Hintergrund.

Während ich beschließe ein Bad einzulassen, denke ich über die Funktion von Durchlauferhitzern nach.
4.3.18 18:03


Reizüberflutung

Musik. Lautes Gelächter
"...ja, ich mich auch... es ist lange her...
"Es bewegt sich jemand hinter mir. Vor mir. Wo soll ich hin?
"...deine Jacke, gib mir deine Jacke..."
Bin ich gemeint?
Berührungen, überall, am Arm, am Rücken, an der Taille, ich fühle sie alle noch lange danach. Ich werde weg geschoben, vor und zurück.
"....noch im Auto, warte, wir müssen.."
So viele Gesichter. Manche kenne ich, manche nicht. Ich verstehe nicht, was das bedeutet, wie sie schauen, habe zu wenig Zeit, mich auf die Deutung zu konzentrieren.
Ich will nicht auch noch umarmen müssen, es ist zu viel, ich will nicht! Die Gesichter schauen missbilligend, das kann ich deuten.

Hinsetzen.
Wohin? Alle sitzen neben ihrem Partner, ich habe keinen. Warum ist hier keine Sitzordnung? Wenn alle in Zweierpaaren sitzen und ich die einbeziehe, die schon Platz genommen haben, wo kann ich mich dann hinsetzen, dass es aufgeht? Wenn ich die Anzahl der Plätze... "Setz dich doch einfach irgendwo!" - Aber, ich war noch nicht fertig mit Überlegen, ich....
Ich setze mich.

Vielleicht wird es jetzt etwas ruhiger....
Nein, wird es nicht.
Ich werde angesprochen, ich werde gefragt, wie es mir geht.Halt! Ich erinnere mich, auf diese Frage in diesem sozialen Rahmen keine ehrliche Antwort geben! Ich sage "gut", das Gesicht ist zufrieden.

Ich will hier eigentlich weg. Aber auch niemanden enttäuschen. Ich weiß, wenn ich jetzt versuche, amüsiert zu wirken, wird es zu auffällig und übertrieben für die anderen. Ich beschließe, mich in mich zurück zu ziehen.
Das wovon die anderen erzählen, ich finde keinen Zugang. Uninteressant, oberflächlich, inhaltslos, betrifft mich nicht, interessiert mich nicht, ich kann nichts dazu beitragen.Ich weiß, dass es smalltalk ist. Aber nach wie vor erscheint mir dieser "soziale Kitt" unnütz, warum kann man nicht in anderen Gesprächen sozial zusammen finden? Das ist dann gleich wieder anstrengend und eine Diskussion...

Oh! Mist, es wird angestoßen! Ich muss auch! Verdammt, muss ich mit allen, die ich jetzt erreichen kann anstoßen? Oder wie macht man das? In die Augen sehen, in die Augen sehen, sonst machen die Leute dumme Sprüche und ich muss so tun, als wenn ich das lustig finde..., ich muss daran denken, dabei in die Augen zu sehen.
Habe ich geschafft, puh. Was als nächstes? Was ich trinken möchte....? Was gibt es überhaupt? Warum ist hier keine Karte? Zu viele Möglichkeiten, wie soll ich jetzt in zehn Sekunden alle Faktoren einbeziehen?
Ach, ich nehm' doch nur Wasser.

Diese Beschreibung ist meine Sicht auf die ersten 15 Minuten einer Familienfeier in einem Restaurant.Da ich meine Diagnose noch nicht so lange habe, sind manche Familienmitglieder verwundert über meine "Veränderung". Früher habe ich mich gebogen bis fast zum durchbrechen, wenn man das Bild eines Astes wählen möchte. Ich habe immer gedacht "Das muss halt so..." und alles mitgemacht, egal wie anstrengend das für mich war. Spätestens Nachmittags hatte ich dann Migräne.
Heute halte ich meine Hand hin und erkläre, dass ich nicht so gerne umarmt werden möchte, sage, dass es langsam anstregend für mich wird, klinke mich nur noch in Gespräche ein, die mir persönlich unkompliziert erscheinen und versuche nicht absichtlich so zu wirken, als würde ich das gerade alles super toll finden.Daher erhalte ich oft die Reaktion, dass das ja alles "früher" ging und seit ich meine Diagnose hätte, wäre ich ja ganz schön empfindlich. Dass ich mich früher nur verstellt, aber genauso empfunden habe, diese message scheint noch nicht so angekommen zu sein. Macht nichts, die anderen haben noch den Rest ihres und meines Lebens Zeit, sich an meine "neuen" Verhaltensweisen zu gewöhnen.
Ich habe mich so sehr bemüht, wie ich konnte und das reicht. Normalerweise wäre ich lieber zu Hause geblieben, weil ich wusste, dass es anstregend wird, aber mir war klar, dass sich die Gastgeberin sehr wünscht, dass ich dabei bin.

Trotzdem habe ich mir beim anschließenden Kaffee trinken die Freiheit genommen, eine halbe Stunde alleine auf dem Gästesofa zu schlummern.
26.2.18 10:25


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